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Drogennotfälle

Zwar schon etwas älter, aber noch immer aktuell

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Dieser Artikel (schon etwas älter, aber noch immer aktuell) befasst sich mit Fakten, Studien und Einzelfallbetrachtungen zum Thema Drogennotfälle, Komplikationen, Späteffekte und Notfallversorgung im allgemeinen und bezüglich bestimmter Suchtmittel bis hin zu den Gefahren des Bodypacking, dem Transport von Drogen im Körper.

Kapitelübersicht

Drogentodesfälle in Zahlen

1991 sind in der Schweiz 184 Drogenabhängige an „unfallmäßiger“ Opiatintoxikation verstorben. Der Gerichtsmediziner Püschel gibt für Hamburg bei zirka 150 jährlichen Drogentoten 80% unfallmäßige Überdosierungen an.

In Hamburg sind erstmalig 1990 mehr Menschen an Definition Drogen gestorben als im Straßenverkehr. Die in den letzten Jahren aus München gemeldeten Todesfälle durch DHC (Codein) sind nach einer Analyse des Toxikologen Schmoll der rasanten Verordnung von nicht verzögertem (nicht retardiertem) DHC zuzuschreiben. In Hamburg wurde dagegen zumeist DHC retard verordnet, das einen ausgeglichenen Blutspiegel garantiert. (Retard, lat. für verlangsamt wirkend, bezeichnet also eine Arzneiform, bei der der Wirkstoff verzögert freigesetzt wird.)

In einer süddeutschen Studie aus dem Jahr 1994 zeigte sich Anfang der 90er Jahren eine Trendwende bei den Drogentodesfällen mit einem dramatischen Anstieg der Opiat-Todes- und notfälle. Analysiert wurden zirka 600 Vergiftungsfälle, die auf Intensivstationen behandelt werden mussten. Während Alkoholnotfälle im Vergleich von 1980 und 1990 leicht anstiegen, gingen die in den 70er Jahren extrem häufigen suizidalen Tablettenintoxikationen im Laufe der 80er Jahre stark zurück.
Das Fazit der Studie über die Trendwende lautet: „Weniger Suizidalität – mehr Sucht, die als parasuizidal gedeutet wird.“ (Der Begriff Parasuizid bezeichnet die nicht tödliche Handlung eines Menschen, die absichtlich selbstverletzend durchgeführt wird. Beispiele hierfür sind die Überdosierung von Medikamenten oder Suchtmitteln zum Zwecke der Selbstschädigung.)

Todesursachen

Eine Bochumer Studie von 1990 bis 1992 analysierte die staatsanwaltlichen Akten von 152 Drogentoten, über tausend Rettungsprotokolle der Notarztwagen und über 500 bei Razzien gewonnene Rauschgiftproben. Ein für viele überraschendes Ergebnis dieser Studie war, dass sich zwischen den Gruppen der Drogennotfällen und jener der Drogentoten kein kausaler Zusammenhang fand. Es sind also keineswegs in besonderem Maße Notfallpatienten, die irgendwann einmal an einer Drogenintoxikation sterben.

In der Bochumer Studie gab es nur einen einizgen Drogentoten, der an einer Monointoxikation (nur eine Substanz) starb. Alle anderen hatten zusätzlich Definition Benzodiazepine (76%) oder Alkohol (42%) eingenommen.

Das größte altersmäßige Todesrisiko trifft die zweite Hälfte des dritten Lebensjahrzehnts. Der Reinheitsgrad des Heroins, messbar am Diamorphingehalt der Leiche, schwankte zwischen 0 und 65%. Die Drogisten starben häufiger in der Wohnung als in der Öffentlichkeit. Der durchschnittlich vom Körper resorbierte Gesamtgehalt an Morphin ging von 210 mg % im Jahr 1990 auf 178 mg % 1992 zurück. Außerdem zeigte sich im Jahresvergleich ein Trend weg vom Alkohol, hin zum Benzodiazepin.

Die Beratungsstellen bevorzugen die Rufnummer 112 gegenüber 110, welche automatisch eine polizeiliche Ermittlungen nach sich zieht, was oft dazu führt, dass die Drogenabhängigen von Freunden allein gelassen werden. Also soll in der Szene das Motto propagiert werden: „Eine-Eins-Zwei, die Polizei ist nicht dabei“.

Opiatvergiftung

Eine Opiatvergiftung ist erkennbar an der Dreiheit von: Bewusstseinsstörung, Atemschwäche und enge Pupillen (Miosis). Zumeist reicht die Beutelbeatmung oder die Sauerstoffinsufflation aus. In der Berner offenen Drogenszene wurden 1991 beispielsweise durchschnittlich 145 Personen pro Monat mit akuter Opiatintoxikation durch Laienhelfer beatmet, nur 15 % mussten ins Krankenhaus eingewiesen werden.

Ärztliche Notfallbehandlung

Ärztliche Notfallbehandlung bei Verdacht auf Opiatvergiftung
(Interner Link Heroin, Kodein, Interner Link Methadon)

Naloxon

Naloxon ist ein spezifischer Opiat-Antagonist (Gegenmittel), der die anderen Opiate an den Rezeptoren verdrängt, jedoch ohne die agonistische Wirkung (Kick) zu entfalten; Halbwertszeit 1 Stunde. Die Gabe verlängert die Wirkung um sechs Stunden. Bei Methadon-Intoxikation Naloxon-Dauerinfusion verabreichen. Andererseits muss Naloxon zurückhaltend dosiert werden, um Entzugssymptome zu vermeiden. Die Patienten verlassen sonst sofort das Krankenhaus.

Nebenwirkungen von Naloxon (sind selten): Hochdruck und Herzrhythmusstörungen.

Flumazenil

Flumazenil hat eine Halbwertszeit von einer Stunde und ist ein spezifisches Gegenmittel (Antagonist) mit verdrängender Wirkung an den Benzodiazepinrezeptoren.
Nebenwirkungen sind Übelkeit und Erbrechen, Hautrötung, Herzrasen und Schweißausbrüche. Als mögliche Entzugserscheinungen, die durch den Benzodiazepinantagonisten provoziert werden, gelten Unruhezustände und Krampfanfälle.

Schwere Komplikationen der Opiatvergiftung

Schwere Komplikationen der Opiatvergiftung durch Auflösung der Muskulatur, vermutlich durch Druckschädigung nach langem Liegen. Als Folge der Muskelzerstörung kann es zum Nierenversagen kommen. Seltener sind ein Lungenödem und Hirninfarkte. Asthmaanfälle werden bei entsprechender Vorbelastung durch Heroininhalation ausgelöst. Beimischungen wie Colchizin und Strychnin sind heute nur noch sehr selten. Sie verursachen neuromuskuläre Intoxikationen.

Kokainvergiftung

Eine Kokainvergiftung ist vergleichsweise selten, dann aber sehr ernst, weil medizinisch komplex. Die Hauptwirkung des Interner Link Kokains besteht in einer massiven Stimulation und anschließenden Depression des Zentralnervensystems unter Einschluss von Kreislauf- und Atemzentrum. Die absolut tödliche Menge beträgt 1200 mg, es wurden aber schon Todesfälle nach 20 mg i. v. und 30 mg nasal beobachtet.

Zeichen der akuten Vergiftung

Zeichen der akuten Vergiftung ist die Dreiheit von weiten Pupillen (Mydriasis), Euphorie und Erregungszustand. Hinzu kommen schneller Herzschlag, hohe Atemfrequenz und Fieber. Nicht selten ist die Kokain-Psychose, die einer paranoiden Schizophrenie gleicht und zu aggressivem Verhalten führen kann. Bei hoher Dosis folgen generalisierte Krampfanfälle bis zum Status epilepticus und Koma. 21 % der Intoxizierten klagen über heftige Herzbeschwerden, häufig treten Herzrasen, Hochdruck und Herzrythmusstörungen auf, final kommt es zum Herzstillstand. Wegen der starken Gefäßkontraktion treten heftige Kopf- und Bauchschmerzen auf. Die Atmung ist anfangs beschleunigt, später kann es zum Atemstillstand kommen.

Komplikationen

Komplikationen sind der Herzinfarkt auch bei gesunden Koronararterien, gefolgt vom Schlaganfall bzw. Hirninfarkt und Hirnblutungen, toxischem Lungenödem, Lungenentzündung, Asthmaanfällen sowie Muskelzerfall. Während der Schwangerschaft werden vorzeitige Wehen ausgelöst und es resultiert eine Plazenta-Ablösung.

Die Dramatik des Geschehens bei der Kokain-Intoxikation erfordert ein sofortiges energisches Handeln schon beim Transport in die Klinik. Ein spezifisches Antidot ist nicht bekannt. Daher ist die Behandlung symptomatisch: Es werden Alpha- und Betablocker, Kalziumantagonisten und Sedativa oder Neuroleptika eingesetzt.

Flashbacks

Definition Flashbacks, das sind nach einem längeren Intervall nach Drogenkonsum auftretende Späteffekte, die auch noch Tage oder Wochen später auftreten können. Von Ausnahmen, wie den fettlöslichen Designer-Drogen und Interner Link THC abgesehen, werden sie nicht durch die Droge selbst bewirkt, sondern stellen vielmehr indirekte Effekte dar. Dazu zählen vermutlich veränderte Konzentrationen oder Schädigungen von Definition Neurotransmittern wie Serotonin. Bei fettlöslichen Drogen kommt es zu verzögerten Freisetzungen aus dem Fettgewebe, wo sie zunächst abgelagert wurden. Dadurch können beispielsweise bei THC um Tage bis Wochen zeitversetzte Spätwirkungen der Droge vorkommen.

LSD und Ecstasy

Wenn hier von Interner Link Ecstasy die Rede ist, so meinen wir MDMA, obwohl es eine ganze Reihe weiterer Wirkstoffe gibt, die unter dem Namen Ecstasy Verbreitung gefunden haben. Jedoch ist MDMA am besten untersucht. MDMA ist ebenso wie Interner Link LSD eine typische Definition halluzinogene Droge. Beide lösen mitunter psychotische Reaktionen aus und werden deshalb hier gemeinsam besprochen.

In niedriger Dosierung bewirkt MDMA ein Gefühl der Nähe zu anderen Menschen und baut soziale Ängste ab. Allerdings kommt es bei manchen Menschen unerwartet zu den entgegengesetzten psychischen Effekten, auch wenn in deren Familien psychische Störungen oder Krankheiten völlig unbekannt sind. Die Wirkung von MDMA entspricht etwa einer Kombination des halluzinogenen Meskalin mit dem stimulierenden Amphetamin.

Kasuistik (Einzelfallbetrachtungen)

Ein 22 Jahre alter junger Mann, der während eines Monats mehrmals wöchentlich MDMA eingenommen hatte, versuchte zwei Mal, sich vor ein Auto zu werfen. In die Notfallambulanz eingeliefert, war er völlig verstört und unkooperativ. Auf den Arzt wirkte er paranoid, feindseelig und schließlich suizidal. Zum Glück hatte er sich bei seiner Aktion lediglich eine Schulter ausgerenkt. Im weiteren Verlauf traten in Abständen von mehreren Tagen wiederholt psychotische und paranoide Episoden auf, ohne dass nochmals Amphetamine eingenommen wurden (typische Flashbacks).

Im zweiten Fall berichtete eine 22jährige Frau, die nur zwei Mal eine MDMA-Pille eingenommen hatte, über Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Diese wiederholten sich allerdings nicht.

Im dritten Fall erlebte ein 17jähriges Mädchen nach einmaliger Dosis von Ecstasy über drei Monate wiederkehrende Flashbacks mit Angst, Trugbildern und Wahnvorstellungen.

Vergiftungserscheinungen von Ecstasy

Die Vergiftungserscheinungen von Ecstasy entsprechen dem neurologic malignant syndrom (NRM).

Häufig anzutreffen sind:

Seltener kommen vor:

In schweren Fällen kommen hinzu:

Die Ursache dieser Störung sind noch nicht geklärt. Es spricht jedoch vieles dafür, dass sie mit einer Reizung der Serotonin-Rezeptoren im Hirnstamm in Verbindung steht. Das Serotonin-Syndrom kann mit Beta-Blockern, die bekanntlich auch Serotonin-Antagonisten sind, behandelt werden. Außerdem empfehlen sich kühlende Umschläge, Sauerstoffgabe und Infusion von Flüssigkeit. Das gleiche Syndrom beobachtet man bei Parkinson-Patienten, die MAO-Hemmer (Tryptophan, Fluoxetin) einnehmen. Häufig wird das toxische Syndrom noch verstärkt durch die aminosäurehaltigen Getränke, sogenannte „soft drinks“, welche die Raver die ganze Zeit trinken und die oft erheblich Mengen von Tryptophan enthalten. Dieses verstärkt dann den Serotonineffekt zusätzlich.

Bodypacking

Beim Bodypacking werden in Latex-Kondomen oder Fingerlingen verpacktes Heroin oder Kokain entweder verschluckt oder in den Anus oder die Vagina eingeführt. Beim oralen Bodypacking werden zusätzlich Durchfallblocker eingenommen. Bis zu 200 Beutel mit je 4-10 g können verschluckt werden, im Enddarm können bis zu zehn Packete mit 20-200 g verstaut werden. Als verdächtig gelten Flugreisende, die nichts zu sich nehmen. Mit einer Röntgenübersichtsaufnahme des Bauchraumes entdeckt man bis zu 90% der Packete.

Als Komplikationen des analen Bodypacking gelten eine Darmverstopfung bis hin zum mechanischen Darmverschluss. Bei Andauung oder Riss der Latexumhüllung kommt es zu einer Überschwemmung des Organismus mit dem Gift. Der Riss eines solchen Drogenbehälters kann tödlich ausgehen. Kokain kann auch ohne Riss in kleinen Mengen durch die Latexschicht diffundieren. Normalerweise reicht die klinische Beobachtung bis zum natürlichen Abgang der Packete, bei Ruptur ist eine Notfallendoskopie oder Not-Operation erforderlich.

Psychiatrische Notfälle

Begriff der Parasuizidalität

Bei dem Begriff der Parasuizidalität handelt es sich um einen Notbehelf zur Erklärung des Phänomens der Drogentoten, der bislang kaum erforscht ist. Es stehen sich zwei Positionen gegenüber: Die Suizidthese, die eine bewusste Tötungsabsicht vermutet und die Unfallthese, die eine fehlende Übersicht bezüglich Reinheit des Heroins unterstellt.

Zur Untermauerung der zweiten Hypothese dienen Untersuchungen von Asservaten zum Reinheitsgehalt des Heroins. Dieser schwankt zu allen Zeiten erheblich und birgt dadurch Risiken der falschen Dosierung. In der Bochumer Studien gelang es jedoch nicht, systematische Beziehungen zwischen dem zeitlichen Verlauf von Reinheitsschwankungen und Drogennot- bzw. -todesfällen nachzuweisen. Es zeigte sich dort lediglich, dass die durchschnittliche Reiheit des Heroins über die Zeit abnahm.

Für die erste Hypothese sind Beobachtungen über psychiatrische Notfälle aufschlussreich. Unter den Persönlichkeitsstörungen gemäß der internationalen Klassifikation der Diagnosen (Interner Link ICD) sind es besonders zwei, die häufig in der psychiatrischen Notfallambulanz auffallen. Dies sind:

Problemkonstellationen

Das Gespräch mit diesen Patienten ist dementsprechend oft sehr schwierig. Sie können ihre Beschwerden nicht präzise schildern. Auffallend sind heftige emotionale Schwankungen. Extreme Angst steht dabei meist im Vordergrund und ist eine der häufigsten Auslöser von Notfallsituationen. Die Gesprächsführung soll von Sympathie und Empathie getragen und auf ordnende Strukturierung hin angelegt sein. Nach Medikamentenabhängigkeit, Suicidgedanken und -tendenzen muss gefahndet werden. Solche Patienten können sich auch wegen ihrer hohen Impulsivität suizidieren, ohne dass ein Motiv erkennbar wird.

In erster Linie muss eine ärztliche Beurteilung der Notfallsituation durch einen Psychiater erfolgen. Der nimmt eine Hospitalisierung vor, wenn

Es gibt vier Problemkonstellationen, nach denen sich die medikamentöse Therapie richtet: Dysphorie, Angst und Desorganisiertheit, extreme Impulsivität und emotionale Labilität. Tranquilizer wie Lorazepam (Tavor) und Diazepam sind Mittel der ersten Wahl, müssen jedoch wegen ihres hohen Suchtpotentials sehr bald durch geeignete Substanzen wie beispielsweise Atosil ersetzt werden.

Weiterführende Informationen

Stand: Juli 2006

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