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»Total einsatzbereit« – ZEIT Artikel vom 08.01.2015

Artikel vom 15. Januar 2015

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ZEIT Artikelbild: Spielsüchtiger

„Der Automat verliert nicht. Alle Spieler wissen es, auch Anis* weiß das. Aber plötzlich glaubte er, er könnte die Maschine austricksen. Nur dieses eine Mal …“

In der Zeit ist ein Artikel zum Thema Spielsucht und Migration erschienen. Mitgearbeitet hat daran unser geschätzter Kollege und einziger türkischsprachiger Suchtberater Hamburgs, Abuzer Cevik von der KODROBS Wilhelmsburg.

»Total einsatzbereit« – ZEIT Artikel vom 08.01.2015

„10 000 Hamburger gelten als pathologisch spielsüchtig. Fast 40 Prozent der Zocker haben einen Migrationshintergrund, sie oder ihre Eltern sind nach Deutschland eingewandert. Bei deutschlandweiten Studien hat sogar die Hälfte der Spielsüchtigen ausländische Wurzeln“, so bereichtet es die ZEIT in ihrer Ausgabe vom 08.01.2015 und erzählt uns in dem lesenswerten Artikel »Total einsatzbereit« die Geschichte von Anis*, die beispielhaft für die Geschichte vieler türkischsprachiger spielsüchtiger Männer gelesen werden kann.

Spielsucht gilt besonders in der türkischen Kultur als Charakterschwäche, nicht als Krankheit, weiß Abuzer Cevik von der KODROBS Wilhelmsburg in dem ZEIT-Artikel zu berichten und: „… für viele Einwanderer ist Deutschland ein Versprechen, sie kommen, um Geld zu verdienen, wollen ihre Kinder auf die Universität schicken. Doch als Asylbewerber dürfen viele nicht arbeiten, andere stranden in schlecht bezahlten Jobs. … Wer dann einmal am Automat aus vier Euro 1500 gemacht hat, sieht die Spielhalle als einzige Chance.“

Und es werden immer mehr, die bei ihm Hilfe suchen. Trotzdem ist er bis heute der einzige türkischsprachige Berater in Hamburg.

*Name von der Redaktion geändert

Artikel als PDF herunterladen | © ZEIT vom 08.01.2015 | 207 kB

ZEIT – »Total einsatzbereit«

»Total einsatzbereit« – ZEIT Artikel vom 08.01.2015

Der Automat verliert nicht. Alle Spieler wissen es, auch Anis* weiß das. Aber plötzlich glaubte er, er könnte die Maschine austricksen. Nur dieses eine Mal. Ein Samstagmorgen, er war nach der Nachtschicht in die Spielhalle gefahren, hatte sich in einen Ledersessel fallen lassen und losgezockt. »Ich hatte meine Regeln, wie jeder Spieler«, sagt Anis. Nie mehr als sechs Euro hintereinander einwerfen. Immer auf Schwarz setzen. »Ist natürlich Quatsch, aber man versucht halt alles, weißte.« Plötzlich drehten die Lichter am Automaten durch, Jackpot-Chance, 5000 Euro. Der Moment kurz vorm Einwurf, für Anis wie eine Adrenalinspritze ins Herz.

Ende November erschien der neue Bericht der Hamburger Suchthilfe, und die Zahlen sind alarmierend. 10 000 Hamburger gelten als pathologisch spielsüchtig. Fast 40 Prozent der Zocker haben einen Migrationshintergrund, sie oder ihre Eltern sind nach Deutschland eingewandert. Bei deutschlandweiten Studien hat sogar die Hälfte der Spielsüchtigen ausländische Wurzeln. Warum sind besonders Migranten so gefährdet, sich in der Automatenwelt zu verlieren?

Anis’ Geschichte ist die Geschichte eines Absturzes. Und eigentlich beginnt sie bei seinem Vater. Der kam in den 1980er Jahren aus der Türkei nach Hamburg und arbeitete als Maschinenschlosser bei Thyssen-Krupp. Nach der Schicht eilte er in die Teestube, zockte Tavla, ein türkisches Brettspiel, oder verschleuderte seinen Lohn am Kartentisch. Anis’ Vater gewann oft, er verlor öfter. Doch er blieb, die Teestube wurde sein Wohnzimmer. Draußen wartete das kalte Almanya, in der Teestube erzählten sie sich Witze auf Türkisch. Sie zockten, pafften, quatschten. Das war sein Club.

Doch draußen, da wartete auch seine Familie. Papa kam spät abends nach Hause, dann keifte Mama, erzählt Anis. Oft sei er als Kind hungrig ins Bett gegangen. Wenn er Jungs aus seiner Straße sah, die im Döner-Laden den Spielautomaten fütterten, herrschte er sie an: »Wieso schmeißt ihr euer Geld nicht gleich weg?« So wollte er nie werden.

Heute sitzt Anis in einem kargen Raum des Lukas Suchthilfezentrums in Hamburg-Lurup. Die Stühle stehen noch im Kreis aufgereiht, die anderen Teilnehmer der Therapiegruppe sind längst gegangen. Anis ist geblieben. »Ich will meine Geschichte erzählen«, sagt er und holt tief Luft. »Wie es so weit kommen konnte.« Sein weißes T-Shirt spannt über dem Brustkorb, der 30-Jährige sieht aus, als ob er eine Waschmaschine allein in den dritten Stock wuchten könnte. Ein gedrungener, kantiger Typ mit Baseball-Cap und 5-Tage-Bart.

Wenn Anis anfängt zu erzählen, gestikuliert er mit vollem Körpereinsatz und lässt seine Sätze mit einem kumpeligen »weißte« austrudeln. Und so erzählt er Geschichten wie die, als er mal eine Ausbildungsstelle suchte.

Die geht so: Anis saß auf dem Amt, schloss die Augen, blätterte in einem Berufsführer und zählte bis drei. Sein Zeigefinger blieb bei Orthopädieschuhmacher hängen. »Gebongt. Dann mach ich halt das«, sagte Anis zum Berufsberater. Ganz einfach, oder? Anis’ Erzählungen sind Geschichten, die oft fast zu gut klingen, um wahr zu sein.

Führerschein, Ausbildung, Verlobte – eigentlich lief alles gut bei Anis

»Digger, wo soll ich anfangen?« Anis lehnt sich im Stuhl zurück. Wahrscheinlich, sagt er, begannen die Probleme mit der Trennung seiner Eltern. Die ließen sich scheiden, als er 15 wurde. »Es war«, Anis ringt nach Worten, »dramatisch«. Themawechsel, bitte. Nach der Scheidung seiner Eltern trieb Anis durch die Straßen. Mit 16 saß er neun Monate lang in Untersuchungshaft. Kopfnuss, eine Nase bricht schnell. Anis kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Er zog in eine Jugendwohnung, der Kontakt zu den Eltern brach ab. »Seitdem stehe ich auf eigenen Füßen, ich musste mich immer alleine durchschlagen«, sagt er stolz.

Anis kämpfte sich raus, Stück für Stück. Er schaffte seine Ausbildung, zahlte seinen Motorradführerschein ab, ganz alleine. »Nur einmal bin ich schwach geworden«, sagt Anis. Sie flanierten über den Kiez, da zog ihn sein Bruder ins Bonanza, in eine Spielhalle zwischen Haspa und einem Tabledance-Schuppen. »Ich war besoffen und hab mich nicht richtig dagegen gewehrt«, sagt Anis. Er sah die Spielgeräte mit den flackernden Bildschirmen, die Symbole rauschten durch, Zahlen, Früchte, Tierbilder. Sein Bruder hämmerte auf die roten Knöpfe, irgendwann drückte Anis mit. Zwei Euro rein,
Chi-Ching, 20 Euro Gewinn. »Schnelles Geld, aber ich wusste sofort, dass es falsch war«, sagt Anis heute. Er heftete es als Ausrutscher ab, mehr nicht. Denn eigentlich lief es gut bei Anis. Er hatte ein Mädchen getroffen. Sein Mädchen.

»Klingt cheesy, aber ich dachte, es wäre Schicksal, weißte.« Sie hatte diese wahnsinnig grünen Augen, ihre Eltern waren auch Türken. Wenn Anis und seine Freundin in ein Café kamen, drehten sich alle nach ihr um. »Ich hatte meine eigene Wohnung, hatte den Führerschein und die Ausbildung gepackt«, sagt Anis. »Meine eigene Familie, das sollte der krönende Abschluss sein.« Anis wollte seinen Eltern beweisen: Guckt her, euer Sohn schafft, woran ihr gescheitert seid. Sie verlobten sich, Anis sparte jeden Cent für die Hochzeit.

Dann trennte sie sich. »Es ging wohl alles zu schnell für sie«, sagt Anis. 20 000 Euro hatte er für den großen Tag gespart, zusammengekratzt, von Freunden geliehen. »Jetzt wollte ich das Geld so schnell wie möglich loswerden, es hat mich ständig an meine Verlobte erinnert«, sagt Anis. »Es musste weg.« Wie im Rausch fütterte Anis die Spielautomaten, das Geld hielt gerade mal zwei Wochen. »Es war scheißegal«, sagt Anis. »Ich habe nicht mehr an das Gute geglaubt.«

An der Fensterfront des Kodrobs-Suchthilfezentrums in Wilhelmsburg klebt ein Pappschild, auf Türkisch steht da: girişi yanda – Eingangsbereich, ein Pfeil weist nach links. Seit 1995 arbeitet hier Suchtberater Abuzer Cevik, die meisten seiner Klienten haben türkische oder kurdische Wurzeln. Die Männer, das hat Cevik beobachtet, kommen erst zu ihm, wenn sie kurz vor dem Abgrund stehen. »Sie versuchen lange, das Problem selbst zu lösen«, sagt Cevik. »Ihnen fällt es schwer, fremde Hilfe anzunehmen.« Bei einer Therapie müsse man die Familie stark einbinden. Denn die türkische Kultur, sagt Cevik, sei kollektivistisch geprägt: »Ist der Sohn spielsüchtig, heißt es: Jetzt hat die ganze Familie ein Problem.«

Spielhallen und Wettbüros sind eigentlich trostlose Orte. Hallen, die in schummeriges Licht getaucht sind, mit speckigen Teppichböden und endlosen Automatenreihen. Doch für die Klienten von Suchtberater Cevik sind Spielhallen mehr. Er erzählt von Menschen, die wegen des kostenlosen Kaffees erstmals eine Spielhalle betreten. Die als Stammkunden manchmal kleine Snacks direkt an den Platz serviert bekommen und zum ersten Mal in ihrem Leben bedient werden. »Viele Migranten bekommen dort Aufmerksamkeit und fühlen sich willkommen«, sagt Cevik. »Das kennen sie aus ihrem Alltag oft gar nicht.«

Spielsucht gelte besonders in der türkischen Kultur als Charakterschwäche, nicht als Krankheit. »Zocker haben Angst, ihre Schulden zu beichten und in der Familie als Versager zu gelten«, sagt Cevik. Denn für viele Einwanderer ist Deutschland ein Versprechen, sie kommen, um Geld zu verdienen, wollen ihre Kinder auf die Universität schicken.

Doch als Asylbewerber dürfen viele nicht arbeiten, andere stranden in schlecht bezahlten Jobs. »Die Realität ist oft bitter«, sagt Sozialpädagoge Cevik. »Wer dann einmal am Automat aus vier Euro 1500 gemacht hat, sieht die Spielhalle als einzige Chance.« Es werden immer mehr, die bei ihm Hilfe suchen, sagt Cevik. Trotzdem ist er bis heute der einzige türkischsprachige Berater in ganz Hamburg.

Im Lukas Suchthilfezentrum in Lurup ist der Kaffee neben Anis längst kalt geworden. »Ich bin damals tief gefallen«, sagt er. »Das war schon heftig, Digger.« Seit der Trennung spielte Anis jeden Tag, auch als er längst eine neue Freundin gefunden hatte.

An diesem Samstagmorgen, als plötzlich 5000 Euro blinkten, glaubte Anis an die Wende, den einen Mega-Jackpot, der alles verändert. Er drückte das 2-Euro-Stück in den Schlitz, es ging weiter. Auf dem Display funkelten bald 7000 Euro. Plötzlich war es Sonntag, Sonnenstrahlen fielen durch die Markise auf sein Gesicht. »Ich hab beim Spielen jedes Zeitgefühl verloren«, sagt Anis. Als er am Montag zur Arbeit musste, rief Anis seine Freundin an und sagte: »Spiel weiter. Drück so lange auf den Knopf, bis das Spiel durch ist.« Am Ende blinkten 12 000 Euro auf dem Display.

»Eigentlich hätte ich mich freuen müssen, aber ich habe nichts gespürt«, sagt Anis. »Gar nichts.« Er zahlte 6000 Euro Schulden ab – und ging wieder
spielen. Gleiche Spielhalle, gleiches Gerät. Am vierten Tag hatte er alles verloren.

»Das Zocken hat mich zu einem anderen Menschen gemacht«, erinnert sich Anis. Früher hatte er Gitarre gespielt, war jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio gegangen. Jetzt kauerte er jeden Abend allein vor den Automaten. Die Sucht veränderte ihn auch körperlich. »Ich bin eines Morgens aufgewacht und hatte plötzlich drei graue Haare in der Augenbraue.« Er bekam Schuppenflechte, seine Kopfhaut wurde rissig und entzündete sich. »Das war mir so peinlich beim Friseur«, sagt Anis. Er fiel, immer tiefer. »Der Tiefpunkt war, als ich wieder bei meiner Mutter eingezogen bin.« Er trank, schon zum Frühstück steckte er sich eine Kippe nach der anderen an. Manchmal wachte Anis mittags auf und wusste nicht, welcher Tag war. »Ich hatte keine Ziele mehr, da war nur Leere.«

»Entweder du gehst zur Beratung, oder ich bin weg«, drohte ihm seine Freundin

Diese Phase nennt Anis heute »meine Deprizeit«, das klingt nicht so düster. Er fand dann irgendwann einen Job als Kurierfahrer, zog mit seiner Freundin zusammen, langsam verzog sich die Dunkelheit. Doch die Sucht blieb gefräßig. »Ich konnte nicht aufhören, hab weiter 2000 Euro im Monat verspielt«, erzählt Anis. Er pumpte ständig seine Freundin an, die lieh sich Geld von den Eltern, den Arbeitskollegen. Oft weinte sie nachts, schämte sich, zur Arbeit zu gehen und den Kollegen in die Augen zu schauen. Sie flehte ihn an, sie drohte, sie schrieb SMS: Hol dir endlich Hilfe!

»Ich dachte immer, ich schaffe es selbst rauszukommen«, sagt Anis. Er versuchte, an den Spielhallen vorüberzugehen, trotz des Geldes in der Jeans, wie eine Mutprobe. Klappte nicht. Irgendwann flüchtete seine Freundin zu einer Beratungsstelle für Angehörige. Abends kam sie nach Hause, Anis kann sich noch genau an ihre Worte erinnern: »Du hast es selbst probiert, und es hat nicht geklappt. Entweder du gehst zur Beratung, oder ich bin weg.«

Anis wollte sie nicht verlieren, nicht noch mal so etwas erleben. »Da hat es bei mir endlich klick gemacht«, sagt er. Seit einigen Wochen besucht er jetzt die Therapiegruppe im Lukas Suchthilfezentrum, immer mittwochs um 17.15 Uhr. Es ist eine Gesprächsrunde, bei der sich Spieler untereinander austauschen und mit den Therapeuten über ihre Probleme sprechen. Es ist ein Anfang. »Ich habe immer Angst gehabt, mir einzugestehen, dass ich eine Schwäche habe.« Anis lässt den Satz nachhallen. »Eigentlich tut es gut.«

Anis ist in Deutschland aufgewachsen, viele der anderen Spieler sind eingewandert, sprechen schlecht Deutsch. »Es fehlt an Angeboten in der Muttersprache«, sagt die Vorsitzende der türkischen Gemeinde Hamburg, Nebahat Güclü. »Natürlich kann eine ältere Bezugsperson, die die Sprache spricht und die Kultur versteht, anders auf Migranten zugehen als ein 30-jähriger deutscher Sozialarbeiter.« Eigentlich wäre hier die Politik gefragt. Der SPD-Senat hat sich zwar zum Ziel gesetzt, mehrsprachige Beratungsangebote auszubauen. Doch muttersprachliches Personal sei schwer zu finden, heißt es vom Senat. Stattdessen wolle man das vorhandene Personal stärker für »migrationsspezifische Fragen« sensibilisieren.

Über die Therapie sagt Anis: »Ich will schon gerne dranbleiben.« Dann kommt das Aber. Anis rutscht unruhig auf dem Stuhl herum, er ist spät dran, gleich muss er zur Arbeit. Der 30-Jährige fährt nachts Pakete aus. »Tagsüber fühl ich mich oft wie hinter einem Schleier«, sagt er. Noch rafft Anis sich auf und geht zu den Sitzungen. »Aber Digger, langsam habe ich keinen Bock mehr, ich brauche meinen Schlaf.«

Er fährt manchmal 900 Kilometer in einer Nacht, lädt Pakete in Hamburg ein, fährt in den Süden, lädt aus und braust wieder zurück. »Ich liebe den Job«, sagt Anis. »Im Auto kann ich schreien, ich kann weinen – und niemand bekommt es mit.« Wenn Anis nachts über die leere Autobahn brettert, sieht er an den Ausfahrten die funkelnden Symbole der Spielhallen. Dann tut sich was bei ihm.

Vor Kurzem verteilte seine Firma ein kleines Dankeschön, 50 Euro auf die Hand. Anis Freundin wusste nichts davon. »Ich weiß, was richtig und was falsch ist«, sagt Anis. »Aber wenn ich Geld in der Tasche habe, muss ich es einfach raushauen.« Schnell verlor er die 50, er wollte sie zurückholen, am Ende verschwanden 200 Euro im Automatenschlitz. Er fürchtet sich vor dem Moment, in dem er es seiner Freundin sagen wird.

 

Artikel vom 15. Januar 2015

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